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Bier, Bratwurst und Rachmaninow (Ruhr Nachrichten)

Sunday, July 13, 2003
Martin Schrahn - Detailansicht - News

Denn Kodanahsvili ist Schüler im „Piano Studio“ von Alexander Toradze. Und der Meister und seine Eleven lieben den Klavier-Marathon: Stundenlang wird musiziert, das Werk nur eines Komponisten zelebriert, kurze Ansagen inbegriffen. Da gilt es, dem Publikum manche Freiheit zu gestatten, um es bei der Stange zu halten.

Solcherart Spektakulum mag man ein Event nennen. Und was am Samstag in Bochums Jahrhunderthalle zu erleben war, hatte eindeutig diesen locker gefügten Ereignischarakter. Kein Wunder: Wenn das Klavier-Festival Ruhr den Marathon in die „ExtraSchicht – Nacht der Industriekultur“ einbettet, hat der klassische Konzertbetrieb Pause. Macht nichts: 6000 oder mehr Besucher an einem Abend – da wollen die Veranstalter gerne das Korsett der Konventionen etwas lockern. Bier, Bratwurst und Rachmaninow – es fügt sich zusammen, was scheinbar kaum zusammen gehört.

Manchem Ketzer mag dies alles zupass kommen: des Komponisten Werk sei bisweilen banal, streife das Seichte, Unterhaltsame, heißen entsprechende Urteile. Und nur damit könne man die Massen locken. Doch das ist alles andere als wahr. Gerade Rachmaninows Klaviermusik ist oft von tiefem Ernst durchdrungen, von Wahrhaftigkeit im volksliednahen Melos. Selbst sein Anknüpfen an Chopin gilt nicht einer verklärenden Erinnerung an die Salonmusik, sondern den Stimmungen, die sich hinter dieser Fassade eines Lebensgefühls verbergen.

Diese Kost des Abends also ist knackig, teils sogar sperrig. Und die Menschen, die da kommen und lauschen, sind locker, fröhlich, in sommerlichen Freizeitlook gewandet, nur einzelne fühlen sich bewogen, fürs Konzert kleidsame Eleganz zu zeigen. Fügt sich das? Aber ja: Draußen mag Bus um Bus Gäste von anderen Industrie-Stätten in die Bochumer „Nacht“ werfen, mögen Stelzengänger den ersten Blick auf sich ziehen – drinnen ist von aller touristischen Aufgeregtheit nichts mehr zu spüren. Kein Plappern oder Handy-Getös, und in die Satzfolge einer Sonate etwa wird nicht wild hinein applaudiert. Konzentration allenthalben – wie wunderbar.

Franz Xaver Ohnesorg jedenfalls, mitunter launig moderierend, strahlt übers ganze Gesicht. „Das wagen wir wieder“, deutet der künstlerische Leiter des Klavier-Festivals an, wohl wissend, dass dieses Projekt ein Wagnis war. Und Alexander Toradze, noch launiger sein „Studio“ vorstellend, ist mindesten ebenso begeistert. Er hat allen Grund. Denn selbst das Präludium dieser „Nacht“, der Prokofjew-Marathon am Freitag, hat das Interesse vieler gefunden. Wann gibt es auch die Gelegenheit, alle neun Sonaten des Komponisten hintereinander zu hören. Das mag sieben Stunden dauern – kein Problem.

Der Erfolg soll aber nicht zuletzt den Künstlern zugeschrieben werden. Neun Eleven Toradzes, 21 bis 35 Jahre jung, mit ihren individuellen Stärken und Schwächen, agieren kraftvoll, das Material stets im Blick, ohne jedes Wunderkind-Gehabe. Mancher muss erstmal durchpusten, wenn er einen Klotz Prokofjew-Sonate gestemmt hat. Doch niemand wirkt überfordert. Alles Interpretieren ist von bestechender Qualität.- Dem Klavier-Festival ist eine kleine Sensation zu attestieren.



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