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Wenn das Klavier Massen verzaubert (WAZ)

Sunday, July 13, 2003
Michael Stenger - Detailansicht - News

Dort gastierte das "Toradze Piano Studio" der Indiana University South Band. Der in Amerika lebende Alexander Toradze - er spielte just unter Gergiev Prokofjews Konzerte fulminant ein - ist ein Meister der russischen Klavierschule. Mit seine Studenten stellt er weltweit Marathons vor. Etwa: Prokofjew und Rachmaninow - nicht komplett, aber nahezu repräsentativ, wobei man bei Rachmaninow schneller gewisse Schwächen des Komponisten (seine unendlichen Sequenzen) entdeckt.

Was heißt überhaupt Studenten? Es sind fortgeschrittene Musiker, die sich den letzten Schliff holen. Das Studio, mit dem Musikwissenschaftler Joseph Horowitz und dem Kritiker John Ardoin gegründet, stärkt sie fürs Podium. Toradze sagt, auch er profitiere von seinen Schülern. Und die können beängstigend viel. Dass sie nicht alle Toradzes werden, ist ein spürbares Ziel. Und doch: Der Gastauftritt des Moskauer Virtuosen Andrei Diev mit Rachmaninows Chopin-Variationen zeigte, wie weit der Weg vom Schüler zum Großmeister ist. Der Klangsinn Dievs ist faszinierend.

Da gibt es schon gewachsene Größen wie Maxim Mogilevsky (der bereits bei Naumov in Moskau studierte), Vahktang Kondanashvili oder Sean Botkin. Da gibt es aufstrebende Jungmeister wie Irma Svanadze, die Rachmaninow-Pre´ludes pianistsich imposant bewältigte. Die Namen verraten es: Der Georgier Toradze lockt Musiker seiner Heimat.

Prokofjew, Rachmaninow - komponierende Superpianisten zwischen Spätromantik und Moderne. Rachmaninow war viel mehr als ein Salonlöwe. Wer seine Aufnahmen kennt, weiß, wie "modern" er klingen kann. Prokofjew starb am Todestag Stalins vor 50 Jahren: Ironie des Künstlerschicksals im Druck politischer Kunstrichter, die ihre Form von "entartet" fanden.

Beide schrieben mit Herzblut fürs Klavier. Und Vertreter der russischen Schule sind nun einmal ihre besten Interpreten. Jugendlicher Überschwang und ungebrochene Kraft schaden gerade diesen grundverschiedenen Musiken nicht. Sentiment, Raffinement und Tastensturm sind gefragt.

Eingeweihte bei Prokofjew, dann einen Tag später bei Rachmaninow in der Jahrhunderthalle ein Andrang, der auch den moderierenden Intendanten Franz Xaver Ohnesorg staunen ließ. Die Kultur-Ruhr-Touristen kamen und gingen bei der Extraschicht - und blieben auch. Und dennoch: Bei Rachmaninow hörte man nur dann und wann ein Rascheln von Bonbonpapier, hörte man wenig Geräusch.

Und das war für mich die große Überraschung: Die Menschen ließen sich in dieser lauen Sommernacht verzaubern vom Klang des Flügels, ließen sich hineinziehen in die schillernde Welt des Fin de siècle, der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert.

Und wenn nur 20, 30 Leute neugierig geworden sind aufs Klavier-Festival, hat sich der Aufwand gelohnt. Tausende waren dabei.



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Indiana University South Bend
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